1900-1920: Autoverbot in Graubünden

Was man sich heute kaum mehr vorstellen kann, war von 1900 bis 1925 in Graubünden Tatsache: Es herrschte ein Autoverbot. Es gab in Graubünden grosse Widerstände gegen die Einführung des Automobils. Nach heftigen Protesten verbot die Kantonsregierung am 17. August 1900 das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden.

Die rasenden Automobile würden mit ihrem Gestank und Lärm die Pferde der Postkutschen und Fuhrwerke geradezu rasend machen. Auf den schmalen Bergstrassen Graubündens seien diese motorisierten Ungetüme eine ständig zunehmende Gefahr für alle anderen Verkehrsteilnehmer. So heftig wetterte zum Beginn des 20. Jahrhunderts die bündnerische Presse gegen die aufkommenden Automobile.[91]

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Pferdefuhrwerk mit abgeschlepptem Automobil vor den Restaurant Krone in Masans. Die Fahrzeuge wurden mit Pferden bis zur Tardisbrücke gezogen. (StAC, F 13.001.018.006)


Allerdings konnten es damals nicht allzu viele Automobile gewesen sein, die für diesen Unmut sorgten. Einheimische waren es ganz sicher nicht. Seit 1897 gab es in Graubünden gar keinen privaten Autobesitzer mehr. Der letzte gab sein Fahrzeug mangels «Bergtauglichkeit» dem Hersteller zurück. So mussten also alle Güter an der Taminabrücke umgeladen werden und den Automobilen Pferde angespannt werden.

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Foto des ersten Postautos auf der Route Flims-Reichenau (ca. 1925, PTT-Archiv)


1919 wurde die erste Postauto-Linie von Reichenau nach Flims eröffnet. Dies war möglich, weil auch die Schweizer Post sich nicht an das generelle Fahrverbot im Kanton Graubünden halten musste. Doch der Wiederstand war weiter gross. Das Automobil war schon längst zu einer Projektionsfläche geworden, um «denen da oben» eins auszuwischen.[1]

Das Verbot hatte aber auch seine Vorteile. Durch das geringe aufkommen an motorisierten Verkehr konnten die Strassen auch für andere Zwecke genutzt werden. Die Strasse zwischen Malix und Chur war insbesondere im Winter eine beliebte Schlittelstrecke. An den Wochenende pilgerte die Churer Jugend nach Malix zum Tanz und anschliessender Schlittelfahrt zurück nach Chur.

Das Autoverbot wurde erst 1926 in einer Volksabstimmung aufgehoben. Dazumal wurde die Haltung der Bündner zum motorisierten Verkehr zu Recht als hinterwäldlerisch beurteilt. Gerüchten zu Folge war Dr. Emil Köhl einer der ersten Autobesitzer in Chur.