Bernhard von Köhl (1624-†1700) – Bürgermeister und Bundespräsident

Chur 1624

Trotz der politischen Wirren der letzten 20 Jahre herrschte auf dem Metzgplatz in Chur so etwas wie Normalität. Aus dem Amtswohnung in der Metzgmühle, direkt am Metzgplatz gelegen, konnte Peter Köhl, Torwärter, dem regen Treiben auf dem Metztgplatz zuschauen. Die Bauern brachten hier ihr Vieh zur Metzg. Die Metzger schlugen dort auf traditionelle Weise den Tieren mit dem Schwert den Kopf ab und nahmen die Tiere aus. Das Fleisch wurde auf dem Metzgplatz den Hausfrauen angeboten während die Tierhäute durch das Metzgertürli und die Metzgerbrücke zu den Gerbereien beim Zollhaus gebracht wurden. Dort besass die Gerberfamilie Köhl schon seit der Ankunft des Gili Köhl in Chur die Köhlsche Gerberei. Aufgrund der üblen Gerüche aus dem Schlachthaus und dem Lärm des Schlachtbetriebes war dies sicher nicht die beliebteste Wohnlage in Chur.

In dieser Amtswohnung wurde am 2. Juni 1624 Peters zweiter Sohn, Bernhard Köhl, geboren. Dieses Ereignis alleine wäre ja nicht besonders erwähnenswert, da sein Vater ja nicht zur wohlhabenden Bürgerschicht gehörte und keine wichtigen Ämter in den Zünften oder der Stadtverwaltung inne hatte. Doch dieses Kind sollte die Geschichte von Chur schon bald nachhaltig mitgestalten.

Getauft wurde der Knabe auf den Namen Bernhart. Dieser Schreibweise wurde in den Kirchbüchern anschliessend oft verwendet, gelegentlich wurde aber auch der Name «Bernhard» eingetragen. Später unterschrieb er offizielle Dokumente mit dem Namen Bernhardt, welcher auch auf dem Wappenbrief und in seinem Testament verwendet wurde. Erst spätere Publikationen verwendeten dann den geläufigeren Namen «Bernhard» welcher auch hier verwendet wird. Auch sein Nachnahme änderte sich. Vor 1652 wurde noch der ursprüngliche Nachname «Köl» verwendet. Von 1652 bis 1659 wurde dann vereinzelt ein «h» hinzugefügt: «Khöl». Ab 1660 wurde dann nur noch der Name «Köhl» verwendet.

Ehefrau: Gertrude Schafknecht
Kinder: 13
Beruf: Bürgermeister und Bundespräsident
Zunft: Schuhmacherzunft

1628-1635 Die Pest in Chur

Bereits Ende des 16ten Jahrhunderts wütete die Pest mehrmals in Chur und raffte innert weniger Jahre einen Grossteil der Churer Bevölkerung dahin. 1628–1631 und 1635 führte die orientalische Bubonen- oder Beulenpest erneut zu einem Anstieg der Todesfälle. Allein 1629 starben in Chur über 1000 Menschen an der Pest und die Bevölkerungszahl in Chur wurde um fast die Hälfte reduziert.[20] Da die Stadt Mühe hatte genügend Särge herzustellen und Begräbnisplätze zu finden wurden viele der Pesttoten im Totengut vergraben. Mitglieder der Familie Köhl waren sicher auch vom Ausbruch dieser Krankheit betroffen. Da das Totenbuch St. Martin aus dieser Zeit fehlt kann dies aber nicht belegt werden. Bernhard und seine Eltern wurde aber verschont. Die vielen Todesfälle betrafen alle Bevölkerungsschichten, auch die wohlhabenden und herrschenden Bürgerfamilien. So fehlten der Stadt Chur nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch fähige Köpfe für die Führungsetagen der Zünfte und Stadtverwaltung.

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Metzgmühle am Metzgplatz. Aufnahme um 1900 (StAC N 240.099a)


Die Jugendzeit

Die Pestjahre dürften für Bernhard sicher prägend gewesen sein. Der Tod war allgegenwärtig, die Gestorbenen, darunter auch einige seiner Geschwister und Verwandten, wurden auf Karren an seinem Haus vorbei zum Totengut gebracht. Dass er verschont wurde dürfte er sicher als Geschenk, aber auch als Chance betrachtet haben.

Er wuchs vermutlich ohne Geschwister auf, aber die Kinder seines Onkels Joseph wohnten ja gleich auf der anderen Seite des Metzgplatzes. Auch hatte er sicherlich Kontakt zur Familie des Gerbers Antoni Köhl, welche bei der Gerbe ihr Wohnhaus hatten. Sein Vater bekleidete die Stelle des Torwärters beim Metzgertürli, arbeitete also gleich ums Haus.

Die Familie von Cleric

Von jenseits der Berge stammten die Cleric, die sich zur gleichen Zeit wie die Köhls in Chur als Bürger einkauften. Martin von Cleric, ein Enkel des Martin Clericus, wurde 1642 Oberstzunftmeister und bekleidete von 1662-1668 das Amt des Bürgermeisters. Martin von Cleric war sehr einflussreich und wohlhabend.[5]

Martin von Cleric zeugte zusammen mit seiner Frau Applolonia Pitsch 7 Kinder. Martin von Clreic und zwei seiner Söhne sollten dann im Leben des Bernhard Köhl eine wichtige Rolle spielen. Es waren dies Dr. med. Bernhard von Cleric (1618-~1686), Apotheker und Stadthauptmann, sowie Martin von Cleric.

Martin von Cleric war etwa im gleichen Alter wie Bernhard Köhl. Die beiden dürfte schon in ihrer Jugendzeit eine enge Freundschaft verbunden haben, denn sie sollten in den kommenden Jahren Weggefährten werden und gemeinsam höchste Ämter bekleiden. Bernhard dürfte also im Hause der Clerics schon früh bekannt gewesen und Oberstzunftmeister Martin von Cleric auf den schlauen Bursche aufmerksam geworden sein. Er wurde zu seinem Fürsprecher und Förderer.

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Martin von Cleric (1594-1669). Zunft: Schneider. Profektrichter, Stadtrichter, Stadtvogt, Amtsbürgermeister. Rätisches Museum H1975.725


Der Aufstieg des Bernhard Köhl

Bernhard wurde von seinen Eltern gut behandelt und gefördert. Schon früh viel ihnen auf, das Bernhard das Lernen leicht viel und er ein guter Rechner war. 1645 trat er der Schuhmacherzunft bei[1]. Ein Jahr später, gerade mal 22 Jahre alt, heiratete er die gleichaltrige Gertrude Schafknecht, Tochter des Churer Bürgers Joseph Schafknecht, und wurde im gleichen Jahr erstmals Vater.

Im selben Jahr kaufte sein Vater von dessem Bruder Joseph die Wohnung im Prixinenhaus ab. Die Prixinergasse war eine kleine, dunkle Gasse, welche auf der einen Seite von Wohnhäusern flankiert und auf der stadteinwärts gelegen Seite von Ställen und Warenhäusern gesäumt war. Einer der Stadtbäche führte vom Mühlbach in der Nähe des Metzgertores durch die Prixinergasse[21]. Stadtauswärts lagen vor dem Prixinenhauses die Gemüsegärten und die Plessurstrasse, welche regelmässig von der noch ungezähmten Plessur überflutet wurden. In dieser Wohnung dürfte er dann die nächsten Jahre auch gewohnt haben.

Er heiratete nicht nur früh, sondern betrieb als junger Bursche in einem Haus am Martinsplatz, oberhalb des Stephan Reidten Haus, einen Laden mit einem offenbar erträglichen Handel. Im selben Haus wohnte auch die Familie von Cleric. 1648 bis 1651 kamen 3 weitere Töchter zur Familie hinzu.

Mit den erwirtschafteten Gulden kaufte sich Bernhard am 25. September 1650 von den Gläubiger seines verstorbenen Onkels Joseph Köhl aus dessen Hinterlassenschaft Haus und Stall an der oberen Reichsgasse Chur für 1300 Gulden.[22]

In diesem Haus dürfte dann 1652 sein erster Sohn geboren worden sein. Der Tradition folgend erhielt dieser den gleichen Namen wie Bernhards Vater, Peter. 1654 kam eine weitere Tochter, Emerita, hinzu, und 1656 wurde ein weiterer Sohn, Bernhard geboren.

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Haus Rych am Martinsplatz mit Buchhandlung Gmür, rechts Eisen Weber um 1950 (StAC, Photograph unbekannt)


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Hemmi-Stadtplan von 1823. Auf diesem Plan sind die Metzgmühle (Obere Mühle), das Metzgertor, der Metzgerplatz mit Brunnen, die Praximergasse und die Mühlbäche noch gut zu erkennen. (StAC E 0214)


1656: Die Wahl zum Kirchenvogt der Kirche Stalla

Doch Bernhard war nicht nur ein geschickter Geschäftsmann, er wusste sein wachsendes Vermögen auch für eine Karriere in den Zünften richtig einzusetzen. Mit seinen Gulden erkaufte er sich, wie es zu dieser Zeit üblich war, die Gunst einflussreicher Oberzunftmeister und Würdenträger. 1656 wurde dies erstmals belohnt, er wurde durch das Bistum Chur zum Kirchenvogt der Evanglischen Kirche von Stalla gewählt. Stalla war zu dieser Zeit als Teil der Septimerroute ein wichtiger Umladeplatz und Pferdewechselstation, und im Besitz des Bischofs von Chur. Als Kirchenvogt führte er die Bücher und notierte alle Ein- und Ausgaben (Dieses Amt hatte er übrigens bis zu seinem Tode inne).

1660: Wahl zum Seckelmeister der Stadt Chur

Bernhards Familie wuchs weiter: 1658 wurde die Tochter Elisabeth geboren, 1660 ein weiterer Sohn, Andreas. Kurz danach musste die Familie gleich 2 Verluste hinnehmen. Seine Tochter Gertrud und sein Sohn Bernhart starben nur wenige Tage nacheinander. Im darauffolgenden Jahr wurde ein weiterer Sohn geboren, welcher den Namen des verstorbenen Bruders, Bernhart, erhielt. Im gleichen Jahr wurde Bernhard zum Seckelmeister ernannt. Dieses Amt war mit viel Prestige und Einfluss versehen. Martin von Cleric war zu dieser Zeit bereits seit vielen Jahren Stadtschreiber und Stadtvogt gewesen und dürfte ein wichtiger Fürsprecher gewesen sein. 1662 wurde dann Martin von Cleric zum Bürgermeister gewählt. Bernhard amtete bis 1665 als Seckelmeister.

1663 wurde ein weiterer Sohn, Joseph, 1655 die Tochter Gertrud und 1667 die Tochter Anna Catherina geboren. 11 Kinder lebten nun im Köhlschen Haushalt. Nach der Abgabe des Amtes als Seckelmeister schien er sich dann für ein paar Jahre auf Geschäfte und Familie konzentriert zu haben. Inzwischen war Bernhard zum Oberzunftmeister aufgestiegen und 1671 erstmals zum Beiboten (Abgeordneter) an den Bundestag ernannt. Er hatte dieses Amt von seinem Fürsprecher, Martin von Cleric übernommen, welcher am 22.12.1669 gestorben war.

Der Seckelmeister war verantwortlich für die Einnahmen und Ausgaben der Stadtverwaltung. Vergleichbar ist dieser Titel heute mit dem eines Vorstehers des Finanzdepartements,

1666 Eröffnung der Kupferschmiede

Das Vermögen des Bernhard Köhl wuchs weiter an. Doch wie hatte er dies erreicht? Wir wissen dass er einen florierenden Handel am Martinsplatz betrieb, Kirchenvogt von Bivio war und einen Tuchladen betrieb. Er scheint auch eng mit der Gerberfamilie Köhl, welche die Köhlsche Gerbe betrieben, zusammengearbeitet zu haben. Evtl. verarbeitete er in Chur Lederwaren und exportierte diese nach Italien. Mit den Einnahmen könnte er edle Stoffe aus Italien gekauft und nach Chur importierte haben.

1666 wollte Bernhard, mit Ermächtigung der Herren Obern der Stadt Chur, im Baumgarten von Major Tschudi einen Kupfer-Hammer (Kupferschmiede) erstellen. Vermutlich dürfte diese an der Kupfergasse gelegen haben, gleich unterhalb des Hofes. Die Pfaffen befürchteten dass der Lärm ihre Ruhe stören würde und erhoben Einsprache. So wandte er sich am 8. April 1666 mit einem Schreiben an die Domherren und versprach, sollte das Hammerwerk (Hammer am Wasser) stören, dieses während des Gottesdienstes still legen oder es sogar entfernen.

Ob er die Kupferschmiede erstellen durfte ist nicht bekannt. Es stellt sich aber die Frage für welchen Zweck er diese Schmiede erstellen wollte. Es scheint dass er Kupferbleche oder Erzeugnisse aus Kupfer für sein Geschäft benötigte. Vielleicht stellte er dort Gürtelschnallen, Nieten oder andere Artikel her welche er für die Verarbeitung von Leder benötigte.

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Die Töchter des Bernhard Köhl

Einige seiner Töchter kamen nun ins heiratsfähige Alter und Bernhard hielt als gestrenger Hausherr auch hier seine schützende Hand über seine Kinder. Die älteste Tochter Martha betrübte ihre Eltern, weil sie gegen deren Zustimmung sich heimlicherweise mit Johannes Plant versprochen hatte.

Tochter Emerita hatte sich mit Einwilligung der Eltern mit dem Georg Reidt, dem Sohn des Herrn Alt-Baumeisters Gregorius Reidt vermählt. Auch dieser Schwiegersohn bereitet Bernhard schwere Sorgen: «Zu diesem hatte ich gute Hoffnung, er würde sich gut entwickeln und seine Sache verstehen. Ich finde aber, dass er sich Unvorsichtig verhalten hat und zuviel trinkt.»[23]

Seine Dritte Tochter, Anna Maria, hatte leider auch keine gute Wahl getroffen. Sie hatte Jakob Ragaz, Sohn des Zunftmeisters Hans Peter Ragaz geehelicht. Doch auch dieser bereitete ihm grosse Sorgen: «Weil er von guten ehrlichen Leuten, aus gutem Haushalt abstammt, hatte ich Hoffnung, dass er ein Mann wird. Weil er nur 18 jährig war, habe ich mit grossem Fleiss ihm eine Tuchhandlung eröffnet, ihn gelehrt, ihn ermahnt, zugesprochen und alle gütigen Mittel vorgenommen. Der ist aber so gar verdorben, angestiftet von seinem Umfeld mit trinken und spielen, sodass ich etliche Anzeigen gegen ihn schreiben musste.»[23]

Mehr Freude bereitete die Tochter Sibilla, welche mit der Eltern Einverständnis Stadthauptmann Bernhard von Cleric heiratete, ein Sohn des verstorbenen Bürgermeister Martin von Cleric und Bruder seines Freundes Martin von Cleric. Bernhard von Cleric war zwar 32 Jahre älter als Sibilla, doch der betagte Witwer war wohlhabenden, gut gebildet und ein Freund der Familie.

Widmungsbild der Schuhmacherzunft

Anfangs 1677 lies die Schuhmacherzunft in Konstanz ein Glasgemälde anfertigen. Zu erkennen sind die in der Zunft vereinigten Handwerke der Schuster (links), Metzger (rechts vorn) und Gerber (rechts im Mittelgrund und hinten). Der Text verweist auf den Schutzheiligen der Schuhmacher. Eine der 14 Tafeln ist Oberzunftmeister Bernhardt Köhl gewidmet.

Kopfzeile: «Fui sum et ero, omne nimium vertiturin witium, in medio consistit virtus.» Übersetzung: «Ich war und werde sein, jeder Überschuss an Witz ist gewendet, in der Mitte liegt die Tugend.»

Bild Mitte: Das Wappen der Familie Köhl, Osterlamm mit Osterfahne

Text Fusszeile: «Geschellschaft der fromen Frünt und Spath, du haben solt des ist mein Rath. Bernhardt Köhl alter Stat Seckhelmeister und Oberzunftmeister diser Zeit regierender Stat Amen.»

 

 

Schuhmacherzunft Chur 1677

Glasgemälde der Churer Schuhmacherzunft, Anfangs 1677 angefertigt (Rätisches Museum)


Widmungsbild Schuhmacherzunft von 1677

Auszug mit dem Widmungsbild von Bernhardt Köhl (Rätisches Museum)


1677: Wahl zum Stadtvogt

1676 stieg Martin von Cleric zum Stadtvogt auf. Die nachfolgenden Jahre übte er dieses Amt abwechselnd mit Bernhard aus. Bernhard war somit 1677 erstmals amtierender Stadtvogt. Als Stadtvogt war er auch Vorsitzender des Kriminalgerichtes. Martin von Cleric, sein Freund und Mitstreiter, stieg die Amtsleiter weiter hoch und wurde am 9.11.1681 erstmals zum Bürgermeister der Stadt Chur gewählt, während Bernhard bis 1687 weiter als Stadtvogt waltete.

Der Hauptfesttag im alten Chur war der 25. Oktober, der Krispinitag. Krispinus hieß ein alter Heiliger, von dem erzählt wird, dass er den Gerbern Leder entwendet habe, um den Armen Schuhe daraus zu machen. Nicht deswegen aber war sein Namenstag bei den Churern so beliebt, sondern darum, weil sie an diesem Tage ihre Stadtbehörden wählen durften, den Großen Stadtrat, den Kleinen Stadtrat und das Stadtgericht. Den Krispinitag betrachtete daher jeder rechte Churer als einen Ehrentag.

Aber er war für ihn nicht bloss ein Ehrentag, sondern auch ein Freudentag. Denn am Abend nach den Wahlen herrschte in den Zunftstuben fröhliches Leben. Da versammelten sich die Angehörigen jeder Zunft zum Krispinimahl, sassen an langen Tischen, auf denen sich ganze Berge von Hasen, Hühnern und Fischen erhoben. In alten Kannen und Zunftbechern wurde der Wein aus dem eigenen Zunftkeller und Zunftweinberg aufgetischt. Das Mahl wurde gewürzt durch launige Reden und lustige Spottverse, wie etwa die folgenden:

«An diesem Salat ist weder Essig noch Oel,
Es lebe der Herr Stadtvogt Köhl.
Köhl und Kabis,
Es lebe der Zunftmeister Abys.»[27]

Der Stadtammann trieb die Steuern ein, sprach Recht und stand der Stadtwache vor.

Die Ermordung des Landrichters Nikolaus Maissen

Am Morgen des 26.Mai 1678 war Landrichter Nikolaus Maissen, für welchen sich Bernhard 1676 erfolgreich eingesetzt hatte, im Bischöflichen Schloss bei Bischof Ulrich VI. de Mont zu Besuch. Als er vom Hof ritt, wurde er vom bischöflichen Kellermeister Hans Federspiel beobachtet. Sobald dieser ihn fortreiten sah, eilte er zum oberen Tor hinaus und benachrichtigte zwei beauftragte Mörder, dass der Maissen allein komme. So kam es dass er auf dem Heimritt nach Ems bei Plankis auf offener Landstrasse ermordet wurde.

Nach der Tat wurde Stadtvogt Bernhard Köhl von Commissari Johann Travers avisiert, dass sich auf Churer Stadtgebiet, an der Grenze zu Ems, ein tödlich verwundeter Körper befinde. Bernhard leitete ohne Verzug eine Untersuchung ein. Nachdem festgestellt worden war, dass es sich bei der Leiche um Landrichter Nikolaus Maissen handelte, liess er sofort das Stadtvogtgericht zusammentreten. Dieses beauftragte ihn mit der Untersuchung des Vorfalls. Die beiden Täter, Martin Beer und Christian Zein, wurden kurz darauf in Rhäzüns gefasst, an Chur ausgeliefert und dort durch das Stadtgericht unter der Leitung von Bernhard zum Tode verurteilt. Der erste Urteilsspruch gegen die Mörder fiel sehr hart aus: Sie sollten gerädert oder gepfählt werden.

Aufgrund von Gnadengesuchen war das Gericht jedoch bereit, die Strafe umzuwandeln, nämlich von «poenam rotae ad poenam gladii». Für eine Milderung der Strafe setzten sich auch Graf Casati und Domdekan Mathias Sgier ein. Die zwei Tavetscher Delinquenten wurden schliesslich durch den Churer Scharfrichter Lorenz Falk auf Schloss Rhäzüns enthauptet.

Die Hintergründe zu dieser Tat sind einem lesenswerten Artikel von Aluis Maissen umfassend beschrieben worden. Erschienen 2006 im Jahrbuch der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden[25].

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Clau Maissen (1621-1678), Gemälde im Cuort Ligia Grischa, www.museum-trun.ch


Die Liebesabenteuer des Kandidaten Samuel Demuth

Als wohlhabender und einflussreicher Bürger konnte sich Bernhard auch einen Hauslehrer leisten, welcher seine Kinder unterrichtete. Diese Stelle bekleidete ein Herr Samuel Demuth. Dieser unterrichtete nicht nur, sondern warb um die älteste Tochter des Hauses, Emerita, Witwe des Georg Reidt, und behauptete hernach in allem Ernst, diese Witfrau habe ihm die Ehe versprochen. Doch davon wollte offenbar der gestrenge Herr Stadtvogt Köhl nichts wissen, sondern wehrte sich mit allen Mitteln dagegen, dass ein landsfremder, stellen- und mittelloser Theologiekandidat in seine hochansehnliche Familie einheirate. So kam diese Eheangelegenheit zu Beginn des Jahres 1678 vor Rat und Gericht zur Behandlung. Am 15. Januar beschloss die Obrigkeit, Demuth habe auf künftigen Freitag vor Rat zu erscheinen, um im kontradiktorischen Verfahren verhört zu werden. Mittlerweile seien seine Schriften zu durchsuchen und der Obrigkeit versiegelt einzuhändigen, „ihme (Demuth) ist zu inthimieren, dass er sich keinesfalls nächtlicherweile auf den Gassen finden lasse. Zu dieser Verrichtung werden deputiert die Herren Stadtammann Hempel, Oberstzunftmeister Schorch und der Gerichtsschreiber, der solches aufzunehmen hat". Die Delegation soll sich beiden Hausleuten nach seinem Tun und Lassen erkundigen.

Als der Köhlsche Hauslehrer diesen Ratsbescheid erhielt, fand er es für gut, die Stadt Chur wieder „mit dem Rucken anzusehen". Demnach stellte er an den Stadtrat das Gesuch, ihm zur Gerichtsverhandlung sicher Geleit bewilligen zu wollen. Die Obrigkeit entsprach diesem Begehren am 1. Februar 1678, beschloss auch gleichzeitig, es solle „mit hr. stattamma Köhl und den seinigen geredt werden, dz sie sich des zorns enthalten und ihme (Demuth) kein unglegenheit noch widrigs zufügen wollen.»

Diese und weitere Geschichten sind im Artikel «Reise- und Liebesabenteuer des Kandidaten Samuel Demuth» im Artikel von Fritz Jecklin nachzulesen. Erschienen 1915 im «Bündnerisches Monatsblatt: Zeitschrift für bündnerische Geschichte, Landes- und Volkskunde»[26]

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1915 Bündnerisches Monatsblatt Heft 7


Strafgericht von 1684 - Bischöfliche Ehrung und Adelung der Familie Köhl

Seit dem 19. Januar 1684 hatte das zu Chur versammelte Strafgericht zur Niederwerfung des spanischen Einflusses auf die Drei Bünde den damaligen Stadtvogt und späteren Bürgermeister Bernhard Köhl zu seinem obersten Richter erwählt.

Anfänglich beschuldigt, mit den Prättigauer Bauern - die stark antiösterreichische Politik trieben - unter einer Decke zu stecken, ja eines der Häupter der österreichfeindlichen Partei zu sein, scheint er dann gegen Ende des Strafgerichtes, als die Verhandlungen über die Anklagen in der Landrichter Meißenschen Angelegenheit, wie auch diejenigen gegen Domdekan Mathias Sgier - die mit der Meißenschen Sache in gewissem Zusammenhang standen - eine versöhnliche, beinahe katholikenfreundliche Stellung eingenommen zu haben.[27]

Die Hintergründe zu diesem Strafgericht sind im Vortrag «Das Strafgericht und die Landesreform von 1684» von Johann Andreas von Sprecher, gehalten in der historisch antiq. Gesellschaft von Graubünden, detailliert beschrieben worden. Veröffentlicht wurde dieser Vortrag im Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden im Jahr 1881.[28]

Der Dank für diese Haltung blieb dann auch nicht aus: Der in Chur regierende Fürstbischof Ulrich VI. de Mont (1624–1692) erhob den Churer Kaufmann in den Adelsstand vermehrte sein Wappen.[29]

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Wappenbrief des Bischofs von 1684. (StAGR, A I/2a Nr. 147)


Die prunkvolle gestaltete Original-Urkunde ist im Staatsarchiv Chur einsehbar. Es existieren zudem zwei nicht minder prachtvolle Abschriften. Eine davon ist im Stadtarchiv von Chur zu finden (Die Abschriften des Wappenbriefs von 1816 / Die Abschriften des Wappenbriefs von 1846).

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Ulrich de Mont, Fürstbischof von Chur 1661–1692. Quelle: Bischöfliches Archiv Chur (BAC)


1684: Vom Bischof verbessertes Köhl-Wappen

Wappen der Familie Köhl: «Geviert; 1 gespalten von Schwarz und Silber; 2 und 3 in Blau ein weisses, eine Osterfahne tragendes, zur Mitte hin schreitendes Osterlamm, 4 gespalten von Silber und Schwarz».[31] Dieses verbesserte Köhl-Wappen ist heute in Chur an der Hausfassade am Casinoplatz 1 zu sehen. Auch ist dieses Wappen in der Wappengalerie im Rathaus Chur zu finden. Und natürlich auf dem Wappenbrief und dessen Abschriften.

Original des verbesserten Wappens auf dem Wappenbrief von 1684
Wappentafel Köhl im Rathaus Chur

1689: Wahl zum Präsident des Gotteshausbundes

Im Februar 1689 wurde Bernhard zum ersten Mal zum Amtsbürgermeister gewählt und war als solcher auch Präsident des Gotteshausbundes. Martin von Cleric, welcher dieses Amt ja bereits seit 1681 inne hatte, dürfte bei dieser Wahl sicherlich eine wichtige Rolle gespielt haben. Der amtierende Bürgermeister Stephan Reidt verstarb während seiner 3ten Amtsperiode und wurde durch Martins langjährigen Weggefährten, Bernhard, ersetzt.

Die Entstehung des Bürgermeisteramtes in Chur hängt mit den Emanzipationsbestrebungen der Stadt gegenüber dem Bistum zusammen. Seitdem 13.Jahrhundert hatten es die Churer verstanden, gewisse Freiheitsrechte in ihre Hände zu bringen. So wird zum Beispiel 1282 zum ersten mal ein städtischer Rat erwähnt; seinen Vorsitz führte damals noch der Ammann, ein bischöflicher Beamter, später dann der städtische Werkmeister.

Als die Churer Bürger anfangs des 15.Jahrhunderts versuchten, die Bezeichnung «Werkmeister» in «Bürgermeister» umzuwandeln, stiessen sie auf energischen Protest des Bischofs. Nach dem grossen Stadtbrand im Jahre 1404 verlieh jedoch Kaiser Friedrich III. Den Churern neben der Bestätigung verbrannter Privilegien und dem Zunftrecht auch das Recht, den Bürgermeistertitel zuführen. Nach der Zunftverfassung von 1405 wurde der Bürgermeister jedes Jahr im November neu gewählt. Er blieb für ein Jahr im Amt und konnte erst im November des darauffolgenden Jahres wiedergewählt werden; in der Zwischenzeit übte er als ruhender Bürgermeister bestimmte Funktionen aus. So wechselten sich amtierender und ruhender Bürgermeister oft Jahr für Jahr in der Amtsausübung ab.

Von 1689 bis zu 1699 wechselten sich deshalb die beiden Bürgermeister Martin von Cleric und Bernhard von Köhl jährlich ab:

  • Feb.1689-Nov.1689 Bernhard Köhl Schuhmacher
  • Nov.1689-Nov.1690 Martin Cleric Schneider
  • Nov.1690-Nov.1691 Bernhard Köhl Schuhmacher
  • Nov.1691-Nov.1692 Martin Cleric Schneider
  • Nov.1692-Nov.1693 Bernhard Köhl Schuhmacher
  • Nov.1693-Nov.1694 Martin Cleric Schneider
  • Nov.1694-Nov.1695 Bernhard Köhl Schuhmacher
  • Nov.1095-Nov.1696 Martin Cleric Schneider
  • Nov.1696-Nov.1697 Bernhard Köhl Schuhmacher
  • Nov.1697-Nov.1698 Martin Cleric Schneider
  • Nov.1698-Juli 1699 Bernhard Köhl Schuhmacher (erkrankt)

Dieser Wahlmodus hatte bis zur Zunftaufhebung 1839/40 Bestand; er wurde einzig während der französischen Besetzung der Stadt in den Jahren 1800-03 unterbrochen. Bis 1872 wurde der Bürgermeister weiterhin jedes Jahr, dann alle zwei Jahre gewählt; es war aber möglich, ihn über mehrere Jahre im Amt zu bestätigen. Aufgrund der Verfassungsrevision von 1875 löste die Stadtgemeinde (Einwohnergemeinde) die Bürgergemeinde ab; das Stadtoberhaupt wurde neu Stadtpräsident genannt. Die Amtsperiode für den Stadtpräsidenten dauerte bis Mitte 1904 weiterhin zwei, dann drei und ab 1904 vier Jahre.

(Text aus dem Bündner Monatsblatt: Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur, S228, von Ursula Jecklin)

Im November 1690 kaufte sich Bernhard ein weiteres Haus mit Stall an der oberen Reichsgasse, welche gleich neben seinem Wohnhaus lag[33]. Zudem hatte er sich über die vergangen Jahre diverse Güter und Ländereien in und um Chur erstanden und so ein beachtliches Vermögen angehäuft.

1690: Widmungsbild für Georg Philipp von Schauenstein

Die Bedeutung Bernhard Köhls lässt sich auch daran ablesen, dass er 1690 zu den Männern (darunter Jakob Hannibal Graf von Hohenems und Freiherr Wilhelm Ludwig Thumb von Neuburg) zählte, welche dem damaligen Besitzer von Schloss Haldenstein bei Chur, Georg Philipp von Schauenstein, Widmungsbilder dedizierten, indem sie sich damit ideell der Tradition der Scheibenstiftungen verpflichtet fühlten.[32]

Unterschriften:
a. (Unter dem Wappen, linkes Viertel) Au sonderabren bey Huldigung und entschiedeteter geschwebter differentz dieser Freyherrlichen Regierung Intritt unwesenheiten meiner Bernhart Köhlen alten Stattvogt und diser Zeit Burgermeister zu Chur guten best affection angedenken ist dise gedechtnus alher gesetzt. Anno 1690.

c. (Vierzeiler) Kein Gewaltd ist ohn von Gott allein / Welcher die Obrigkeit setzet ein / Auch darvor wider stossen kann / so sie Got nicht vor Augen han.

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1690 NULLA EST POTESTAS NISI A DEO. Widmungsbild von Bernhard Köhl, Öl auf Leinwand, (Rätisches Museum, H1969.1128.1)


1692 Getreidesperre während des pfälzischen Krieges

Als Bürgermeister vertrat Bernhard nicht nur die Stadt Chur, sondern auch den Gotteshausbund. Und es waren keine einfachen Zeiten. Während des pfälzischen Krieges 1692-1696 kam es auch zu Sanktionen gegen den Grauen Bund. Kaiser Leopold verhängte am 18.8.1692 eine Getreidesperre gegen Bünden, es drohte eine Hungersnot. Der Rat gründete eine Kommission, welche Vorschläge ausarbeiten sollte. Es war eine gewichtige Kommission für die schwierige Aufgabe. Neun der angesehensten Männer des Landes wurden gewählt. Aus dem Gotteshausbund wurden gewählt: Bürgermeister Bernhard Köhl, Vicari Dr. Anton von Salis und Vicari Ulrich von Porta. Nach zähen Verhandlungen wurde nach 2 Monaten die Sperre ausgehoben.[35]

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Kaiser Leopold I. Von Benjamin von Block - Kunsthistorisches Museum Wien


Der Tod seiner geliebten Ehefrau

Im März 1695 starb seine geliebte und verehrte Ehefrau mit 71 Jahren. Ihre Abdankung fand «mit begleitung der schuohler knaben 2 schuol[meiste]r – leuthung beyder Kirchen Glockhen, durch Rathshe[rre]n getragen, in grossem begleith gesambter burgerschafft, bischofflichen hoffm[eiste]r deß grichts von Haldenstein aller meiner lieben Kinden dero 9. im leben und von 18. noch lebender Einickli»[6] statt. An Ihrem Todestag lebten also noch neun ihrer Kinder und 18 Enkelkinder. Es waren dies:

Emerita (47), Anna Maria (46), Sibilla (44), Peter (43), Elisabeth (37), Bernhart (34), Joseph (32), Gertrud (30), Anna Katharina (28) sowie deren Kinder Bernhart Margadant (16), Hartmann Margadant (13), Gregorius Reid (29), Peter Reidt (25), Martin Cleric (24), Bernhard Cleric (16), Gertrud Cleric (15), Antoni Cleric (14), Appolonia Cleric (9), Gertraud Köhl (11), Bernhard Köhl (9), Georg Köhl (7), Maria Terz (12), Bernhart Terz (11), Gertrud Terz (9), Johann Antoni Terz (7), Bernhard Köhl (2), Anna Laurer (3).

Der Tod seiner geliebten Gattin brach ihm das Herz und auch den Lebensmut. Doch seine grosse Familie half ihm über diesen grossen Verlust hinweg zu kommen. Seine jüngste Tochter, Anna Katharina, kümmerte sich um den Haushalt und kochte für die Familie. Die beiden Enkel und Waisen, Hartmann und Bernhard Margadant, wohnten beim Grossvater. Auch seine verwitwete Tochter Emerita wohnte mit ihren zwei Kindern im Haus des Vaters. Sein Sohn Joseph kümmerte sich um die finanziellen Angelegenheiten des Köhlschen Handelshauses und praktizierte auch als Arzt. Sein Sohn Peter war weiter im Geschäft eingestellt, hatte sich inzwischen von seiner Frau getrennt und heiratete deren Schwester, Anna Maria Schwarz. Sein Sohn Bernhard war Pfarrer zu Haldenstein und wohnte im Praximerhaus zur Miete.

Das Collegium philosophicum in Chur

Neben der Volksschule gab es in Chur seit 1539 ein Gymnasium, welches von 1654 bis 1680 eine evangelische Landesschule war. Bernhard war seit vielen Jahren ein Gönner dieses Gymnasiums. Auch sein Sohn Bernhard hatte dieses Gymnasium besucht. 1696 richtete Oberzunftmeister Camill Cleric im Auftrag des Stadtrates einen Fond zur künftigen fionanzierung Gymnasiums ein. In einem Legatenverzeichnis, ein in Leder gebundenes „Nestelbuch", mit Goldleisten verziert, wurden all 53 Gönner aufgeführt. Obenan stand der Herr Amtsburgermeister Bernhard Köhl, der das Kollektenverzeichnis mit dem Spruch begann: „Alles, was Ihr thuondt, das beschäche allein zu Gottes Lob und Ehr." Dann erklärt der Burgermeister, „zu Vermehrung einer höhern latinischen Claß, auch damit in solcher hocher Claß kein schuolgelt weiter aufgelegt werde", habe er im 1653. Jahr für sich und sein Haus versprochen, 40 Gulden zu geben, so lange es ihm oder seinen Erben gefalle.

Am 4. Dezember 1694 beschloss der Stadtrat, weil der Fondo nun vorhanden war, solle zur Wahl der Lehrer und Aufsichtsbehörden, wie auch zur Aufstellung des Lehrplanes geschritten werden. Dem Kollegium wurde als Schulhaus der Ostflügel des ehemaligen Nicolaiklosters (die spätere Kantonsschule) eingeräumt. In der Martinskirche sollten die Studenten auf der kleineren Empore Platz finden.[38]

Vom 14. bis 16.3.1699 waren in Chur Amtsbürgermeister Bernhard Köhl, Dekan Vedrosius, die beiden noch von Dr. Johann Abys zu Professoren ernannten Pfarrer Johann Davaz und Rektor Saturninus Zaff sowie Otto Grass als Aktuar versammelt, um die zwei vom verstorbenen Abys gestifteten Kollegien nach dem Willen des Testators auch wirklich zu eröffnen.[39] Einer der ersten Schüler am neuen Kollegium war seine Enkel, Bernhard Köhl (1686-†1714) welcher 1702 sein Studium begann. Ein Sohn von Bernhards Tochter Gertrud, Bernhard Georg Laurer (1695-†1765), trat 1712 in das Kollegium ein und sollte dann ab 1727 bis 1761 als Praeceptor I/II Latein lehren. Ein Enkel von Sibilla Köhl, Martin Cleric (1704-†1771), trat 1720 in das Kollegium ein. Auch ein Enkel von Elisabeth Köhl, Bernhard Terz (1732-†1808) besuchte 1749 das Kollegium und wurde am 1757 in die Synode aufgenommen. Er waltete dann bis 1808 als Pfarrer und war von 1770-1778 Praeceptor III latein im Kollegium.

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Transkription Vorwort Bernhard Köhl AB III/S 08.01
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Erwähnte Personen

Johann Jakob Vedrosi (1624–†27.7.1706), Decan. Siehe SVE.

Johann Abis (29.1.1619–†23.8.1697), der sich als Arzt in Lissabon ein Vermögen erwarb, legte durch eine Schenkungsurkunde von 1695 den Grundstein zum Collegium philosophicum.

Die letzten Lebensjahre

Im November 1696, inzwischen 72 Jahre alt, wurde Bernhard erneut zum Amtsbürgermeister gewählt. Er diente der Stadt Chur zwei weitere Amtszeiten, doch seine Kräfte schwanden und so trat er Ende 1699 als Amtsbürgermeister zurück. Bernhard durfte die Geburt weiterer Enkel und auch einiger Urenkel erleben.

Er überlebte seine Ehefrau nur um fünf Jahre überlebt und entschlief nach kurzer Krankheit, betrauert von seinen Kindern und zahlreichen Enkeln, am 7. April 1700 in seinem Wohnhaus am Churer Paradiesplatz.

Als Bürgermeister wurde er „Erstklassig“ beerdigt. Bürgermeister, Dekane und Obtristpfarrherrn sowie Bundeshäupter wurde, wenn sie im Amt starben, diese besondere Ehre erwiesen. Bei diesen Beerdigung läutete die grosse Glocke von St. Martin, bei Bernhard auch die von St. Regula. Seine Leiche trugen sechs Ratsherren von den Stadtvögten an. Der eine der beiden Bürgermeister war im Leid und zwar „im Kräglein", die beiden Stadtvögte gingen neben der Leiche. Zum Ablösen folgten zuerst die sechs Oberzunftmeister, dann die Zunftmeister. Danach folgten der ganze Rat und das Gericht in corpore, samt beiden Aktuaren in Begleitung der Ratsboten und der Stadtdiener.[5] Unter grosser Anteilnahme der Churer Bürgerschaft wurde Bernhard von Köhl in der Martinskirche verabschiedet. Decan Johann Jakob Vedrosi hielt seine Grabrede und widmete ihm den Psalm 146:3/4: «Verlasset eüch nicht auf Fürsten, Sie Sind Mennschen, die könen ja nicht helffen; dann des Mennschen Geist muß davon Vnd widerumb zu erden werden, alß dann Ihmme Verlasen alle seine anschläge»[39]

Mit ihm ging ein Mann, ausgerüstet mit grosser Tatkraft, Charakterstärke und Vaterliebe, getragen vom Zutrauen seiner Mitbürger, dahin. Und es ist wohl nicht unverdient, wenn er auf seinem Grabstein als Vater des Vaterlandes bezeichnet wurde.[29]

Bernhard Köhl hinterliess nicht nur ein beträchtliches Vermögen, sondern auch eine grosse Anzahl von Nachkommen. Diese sollten in den nächsten Jahren in Chur weiter Geschichte schreiben. Nach seinem Tod wurde Stephan Buol1, ohne vorher wie üblich die richterlichen Aemter bekleidet zu haben, zum Bürgermeister gewählt. Seine Mutter war eine Reidt und er ein Enkel des Bürgermeisters Stefan Reidt2. Dreissig Jahre lang war Stefan Buol amtierender oder ruhender Bürgermeister von Chur und ein würdiger Nachfolger von Bernhard von Köhl. Seine Familie sollte weiter mit der Familie Köhl verbunden sein: Seine Tochter, Judith Buol3, heiratete Antoni Cleric, Sohn von Sibilla Köhl.

Erwähnte Personen

1 Stephan Buol (11.11.1658–†1.5.1736), Bürgermeister. Siehe SBU.

2 Stephan von Reidt (?–†13.2.1689). Bürgermeister. Siehe SRE.

3 Judith Buol (1688–†28.2.1735), siehe SBU.

Das Testament des Bernhard Köhl

An Weihnachten 1672 schrieb Bernhard Köhl den ersten Teil seines Testaments nieder. Er ergänzte dieses bis ins Jahr 1695 mehrmals, bis es schliesslich 48 handgeschriebene Seiten umfasste[23].

Durch dieses bis heute erhaltene Testament ist es möglich einen Einblick in sein Privatleben zu erhalten. Und dieser Einblick ist ausserordentlich interessant und lehrreich. Er beschreibt sein Verhältnis und seine Dankbarkeit zu seinen Eltern, die 52 Jahre zusammen verheiratet waren. Auch schreibt er ausführlich über die Freuden und Sorgen mit seinen Kindern und Schwiegersöhnen. Es ist auch zu erkennen zu welchem Reichtum und Status er es mit harter Arbeit geschafft hatte.

Das Original-Dokument sowie verschiedene Transkriptionen sind im Staatsarchiv Graubünden einsehbar. Empfehlenswert ist auch der Artikel von Staatsarchivar Dr. Fritz Jecklin, veröffentlicht 1922[29].

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Originalseite des Testaments (StAGR B2125/3)


Transkription-Testament-1672-1695-B-21253.pdf

Transkription des original Testamentes 1672-1695
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Transkription-Jecklin-Neudeutsch.pdf

Transkription des Artikels von Stadtarchivar Jecklin
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Die Kinder des Bernhard Köhl

  1. Seine älteste Tocher, Martha Köhl (1646–†1685) hatte aus der unglücklichen Ehe mit Johannes Plank (1642–†1684) 2 Töchter, Gertrud und Salome, welche beide als Kinder starb. Nach der Scheidung von Plank hatte Martha 1679 in 2ter Ehe den aus Davos stammenden Feldschärer1 Christian Margadant (1652–†1695) geheiratet. 2 Töchter namens Gertrud starben kurz nach der Geburt. Martha starb nach der Geburt ihres 4ten Kindes. Christian Margadant starb 10 Jahre später und Bernhard nahm die beiden Waisen, Hartmann und Bernhart Margadant, bei sich auf. Nach Bernhards Tod übernahm sein Sohn Peter die Vormundschaft. Beide heiraten und hatten Nachkommen, wobei die Mannlinie mit der nächsten Generation bereits ausstarb.

  2. Emerita Köhl (1648–†1720) ∞ Georg Reidt (1637–†~1676), Sohn des Baumeister Gregorius Reidt und der Ursula Eblin. Das Paar hatte 4 Kinder. Emerita hatte mit ihrem Mann keine glückliche Wahl getroffen, dieser erlag vor seinem 40ten Lebensjahr seinen Lastern. Sie zog nach dem Tod ihres Mannes mit den noch lebenden Söhnen, Peter und Gregor, ins väterliche Wohnhaus am Platz.

  3. Anna Maria Köhl (1649–†1721), heiratete Jakob Ragatz (1653†~1684), Sohn des Zunftmeister Hans Peter Ragatz. Auch sie litt unter ihrem Ehemann. Dieser trank, verschuldete sich hoch. Bernhard bevormundete ihn und stellte seine Tochter unter seinen Schutz. Jakob starb mit 30 Jahren an seinen Lastern. Der Vater half seiner alleinstehenden Tochter, musste viele ihrer Schulden tilgten und brachte sie in einem seiner Häuser unter. Einen seiner Schuldner, Ratsherr und Oberzunftmeister Calep Pitzarda (1642–†1718), konnte er dazu bewegen die arme Witwe zu heiratete. Anna Maria starb ohne Nachkommen.

  4. Sibilla Köhl (1651–†1723), ∞1670 Stadthauptmann Bernhard von Cleric (1618–†1691), Sohn des Bürgermeisters Martin von Cleric und der Appolonia Pitsch. Sibilla wurde mit 40 Jahren bereits Witwe. Ihr Kinder erhielten alle eine gute Ausbildung und hatten später auch wichtige Ämter in der Stadt Chur inne.

  5. Peter Köhl (1652-†1713), Kaufmann, angestellt im Geschäft des Vaters, Verwalter (Armenvogt) in der Stiftung der Hausarmen Leute und Pfleger der Pflegschaft St. Martin 1686–1692. 1∞ Ursula Schwarz (1663–†1718), Tochter des Pfarrers Georg Schwarz und der Anna Maria Heim, 3 Kinder. 2∞ Anna Maria Schwarz (1667–†1738), eine Tochter, Anna Maria (1697–†1784), hatte. Sein beiden Söhne hatten männlichen Nachkommen, doch keiner davon erreichte das Erwachsenalter.

  6. Köhl Gertrud (1654-†1660), starb mit 6 Jahren.

  7. Köhl Bernhard (1656-†1660), starb mit 4 Jahren.

  8. Elisabeth Köhl (1658-†1736), heiratete 1683 David Terz (1646-†1725), Sohn von Wachtmeister und Seckelmeister Johann Anton Terz. Das Paar hatte 5 Kinder. Ihr Vater bezeichnete diese Ehe als «gesegnet». Ihr Sohn Johann Antoni Terz sollte dann Verfasser des Terzschen Familienbuchs werden.

  9. Andreas Köhl (1660-†1683), Kandidat der Philosophie und der Medizin, starb nach kurzer Krankheit und unverheiratet mit nur 24 Jahren während seines Studiums in St. Gallen und wurde dort in der St. Mangen Kirche beigesetzt.

  10. Bernhart Köhl (1661-†~1727), Pfarrer studierte am Collegium philosophicum und in Basel Theologie und wurde am 11. Juni 1683 in Küblis in die evangelisch-rätische Synode aufgenommen. Er heiratete um 1692 Anna Dorothea Gaudenz, Tochter des Decans Christian Gaudenz. Mit ihr zeugte er 2 Kinder, Bernhard und Lydia Maria. Die Nachkommen seines Sohnes Bernhard von Köhl (1693-†1762) - Hauptmann & Oberzunftmeister führten die Adelslinie bis Mitte des 20ten Jahrhunderts weiter. Nachkommen seiner Blutlinie leben heute noch in der Schweiz.

  11. Joseph Köhl (1663–†1750), Doktor der Medizin und Philosophie, Universität Padua und Basel, ∞Anna Katharina von Tschudi (1664–†1749). Sein Sohn Bernhard starb 1704 kurz nach der Geburt. Ein 2tes Kind starb 1705 bei der Geburt. Joseph Köhl war sehr belesen, wohlhabend und besass mehrere Liegenschaften und Grundstücke in Chur und Umgebung. Eine davon war ein Hausteil an der Prixinengasse. Die Prixinengasse. Joseph starb 1 Jahr nach seiner Ehefrau mit 87 Jahren in Chur, ohne Nachkommen.

  12. Gertrud Köhl (1665-†1712) heiratete 1694 den tüchtigen Kaufmann Georg Laurer (1667-†1724) mit welchem sie 8 Kinder hatte. 5 dieser Kinder erreichten das Erwachsenenalter.

  13. Anna Katharina Köhl (1667-†1748), arbeite im Hause ihres Vaters und kümmerte sich um ihre Eltern bis zu deren Tod. Nach dem Tod der Eltern wurde ihr Bruder Joseph ihr Vormund. Sie dürfte nach dem Tod ihrer Schwester Martha sich massgeblich um deren beiden Knaben gekümmert haben.Sie wird sehr oft als Taufzeugin von Kindern ihrer Geschwister aufgeführt, hatte aber keine eigenen Kinder. Sie heiratete erst um 1726 den Witwer Hauptmann Christian Mattli.

Quellen:

1: Zunftregister Z18 S.7 Nr.57

5: Geschichte des Churer Stadtrates 1422-1922, Valèr Michael, 1922

20: Die Pest in Graubünden währen der Kriege und Unruhen 1628-1635, J.A. von Sprecher, 1942, Bündnerisches Monatsblatt, 21-31, Heft 1

21: Churer Stadtgeschichte, Ursula Jecklin, 1993

23: Testament des Bernhard Köhl, Bernhard Köhl, 1690, StAGR B2125/3

24: Die Prozesse gegen Landrichter Nikolaus Maissen 1676-1678, Maissen Aluis, 2006

26: Reise- und Liebesabenteuer des Kandidaten Samuel Demuth, Fritz Jecklin, 1915

27: Vom Churer Handwerk in der guten alten Zeit, F. Pieth, 1927, Bündnerisches Haushaltungs- und Familienbuch

29: Testament des Bernhard Köhl, Fritz Jecklin, 1927, KBG 526:7

31: Wappenbrief Bernhard Köhl, Bischof Ulrich de Mont, 1684, StAGR

35: Bündner Kriegsdienste in Frankreich während des Pfälzischen Krieges 1692-1696, Felici Maissen, 1977, Bündnerisches Monatsblatt, S35, Heft 1

36: Das Collegium philosophicum in Chur und seine Studenten, Fritz Jecklin, 1814, Bündnerisches Monatsblatt, Heft 6

39: Das Collegium philosophicum in Chur im 18. Jahrhundert, Dr. P. Gillardon, 1942, Bündnerisches Monatsblatt, Band 72

39: Aus der Chronik von Pfarrer Terz in Chur, F. Pieth, 1903, Bündnerisches Monatsblatt, S. 272, Heft 12


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