Johann Jakob Köhl (1825-†1904) - der Trinker

Johann Jakob Köhl, verh. 1857 mit Anna Catherina Camenisch (1829-†1878), Bürgerin von Chur. Sohn von Oberst Sebastian von Köhl, (1793-†1857)

Die Kindheit des Johann Jakob war keine einfache. Zwar war sein Vater wohlhabend und einflussreich, doch sollte er bereits 1 Monat nach seiner Geburt seine Mutter verlieren und Halbwaise werden. Sein Vater hatte seine Militärkarriere im Rang eines Oberst abgeschlossen und konnte sich so zwar gut um das Neugeborene kümmern, aber er konnte die Mutter nicht ersetzen.

4 Jahre später heiratete sein Vater Anna Margaretha Grass, Tochter des wohlhabenden Decan und Professor Johann Bartholomäus Grass. Sie sollte nun für ein paar Jahre seine Stiefmutter sein. Sein Vater Sebastian von Köhl verfolgte erfolgreich seine Beamtenkarriere: Zunftmeister, Oberzunftmeister und 1832 erstmals zum Ratsherr gewählt.

1835, Johann Jakob war nun 10 Jahre alt, starb seine Stiefmutter Anna Margaretha. Wiederum dürften die Grosseltern eingesprungen sein und sich um das Kind gekümmert haben. Als sein Vater erneut heiratete war Johann Jakob bereits 13 Jahre alt. Seine neue Stiefmutter war gerade mal 8 Jahre älter als er und gebar kurz nach der Hochzeit bereits ihr erstes Kind. Weitere Halbbrüder kamen hinzu was sicher keine einfache Konstellation ergab.

Johann Jakob dürfte, wie es zu dieser Zeit in den wohlhabenden Familien üblich war, eine Privatschule oder Internat besucht haben. So konnte sich der Vater auf seine Karriere konzentrieren und seine Stiefmutter sich um die Nachkommen kümmern. 1846 wurde er dann im Martikel der evangelischen Kantonsschule erwähnt, mit dem Vermerk: «trat im Juli 1846 aus».[81]

Ehefrau: Anna Catherina Camenisch
Kinder: 4
Beruf: Keiner
Zunft: Keine

Die Bevogtung

Schon früh bereitete Johann Jakob seinem Vater grosse Sorgen. Er scheint regelmässig zu viel getrunken zu haben und auffällig geworden zu sein. Die Situation schien so zu eskalieren, dass 1849 die Stadt Chur Johann Jakob einem Vormund unterstellte. Johann Jakobs Rekurs wurde abgewiesen. Dr. J. M. Rascher übernahm nun die Verantwortung und legte der Vormundschaftsbehörde jeweils seine Empfehlungen vor. Die Behörde beschloss dann das weitere Vorgehen, erteilte Aufträge und nahm die Rechnungen ab.

Ende Oktober 1850 wurde im Amtsblatt des Kanton Graubünden folgendes publiziert: «Zufolge Beschlusses der zuständigen Behörde von Rat mit Zuzug des Gerichts vom 23. dies ist über Herrn Joh. Jak. Köhl, majorenner Sohn des Herrn Stadtvogts Seb. Köhl, die Bevogtung erkannt und Herr M. Rascher als Vogt desselben bestellt worden. Es wird daher Jedermann gewarnt, sich von nun an mit dem genannten Bevogteten ohne Vorwissen und Genehmigung seines Herrn Vogtes in irgend welche Interessgeschäfte einzulassen, indem solche zum Voraus als ungültig erklärt werden.»

1852 wurde Johann Jakob nach einem weiteren Rückfall in eine Besserungsanstalt versorgt. Johann Jakob wurde in den darauffolgenden Jahren mehrmals in Besserungsanstalten untergebracht. Vor 1856 floh er dann aus der Besserungsanstalt Wattwyl bei St. Gallen und flüchtete nach Neapel. Dort verpflichte er sich für 10 Jahre als Soldat bei den Schweizer Truppen in neapolitanischen Diensten. Doch auch in Neapel schien seine Trunksucht sich so zu verschlimmern dass ihm schwere Bestrafung angedroht wurde. Sein Vater kaufte in von seinem Vertrag los und bot ihm an eine Ausreise in die USA zu finanzieren. «Der Vater sei bereit zu allen Massnahmen die Hand zu bieten und für den erforderlichen Unterhalt ausser Haus keine Kosten zu scheuen», berichtete sein Vogt der Behörde. Johann Jakob entschloss sich wieder nach Chur zurück zu kehren und wohnte nach seiner Rückkehr im Haus seines Vaters.

Schon bald begann er aber wieder mit dem Trinken. Die Zustände wurde so schlimm, dass seine Familie, aber auch die Anwohner, um ihr Leben fürchteten. Ende 1856 wies die Vormundschaftsbehörde seinen Vormund an ihn wieder in einer Besserungsanstalt einzuweisen[83]. Johann Jakob hatte zu dieser Zeit bereits eine Beziehung zur Churer Bürgerin Catherina Camenisch begonnen. Da er bevormundet war musste er für eine Hochzeit die Einwilligung der Behörde einholen. Dies tat er dann Anfangs 1857. Sein Vater war zu dieser Zeit bereits erkrankt. Johann Jakob focht nun das Testament seines Vaters an. Er war nicht damit einverstanden, dass das ganze Familienvermögen zur Nutzniessung an dessen Frau und seine Stiefmutter, Margaretha Zinsli-Köhl, übergehen sollte. Er war der Ansicht dass das Erbe seiner verstorbenen Mutter, Elisabeth Margreth Mathis-Köhl, ihm alleine zustehe.

Die Vormundschaftsbehörde folgte seiner Argumentation, erklärte das Testament nicht rechtens und forderte eine Anpassung[83]. Es folgten Verhandlungen, der Vater bot Geld und die Rechte an 2 Weingärten an. Schlussendlich wurde das Testament[79] kurz vor Sebastians Tod angepasst. Johann Jakob sollte das gesamte Vermögen seiner verstorbenen Mutter erhalten. Die Vermögenswerte sollten aber durch seinen Vormund Rascher verwaltet werden.

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Das Haus am Bärenloch 8. Dieses war bis 1942 im Besitz der Familie (Bildarchiv Markus Köhl)


Die erzwungene Heirat

Anna Catherina drängte auf eine schnelle Heirat, da sie im Februar 1857 von Johann Jacob schwanger wurde. Dieser schien aber nicht sehr willig zu sein: Er gab später zu Protokoll dass sie und ihr Schwager Camenisch ihn vor der Heirat eingesperrt und geschlagen habe[84].

Die beiden hatten trotz Startschwierigkeiten dann doch 4 Kinder:

  • Köhl Margareth Anna Katherina (1857-†1860), starb mit 3 Jahren
  • Köhl Sixt Sebastian (1859-†1912). Vor 1890 ausgewandert. Danach keinen Kontakt mehr. Laut gerichtlicher Todeserklärung des Kreisgerichtes Chur ist Sixt Sebastian Köhl am 18. Juni 1912 als verschollen und tod erklärt worden.
  • Köhl Margreth Anna Katharina (1861-†1942), heiratete 1881 Jakob Kratzer von Scharans. 2 Töchter.
  • Köhl Jacob Georg (1865-†1943), ausgewandert in die USA

Kurz nachdem seine erste Tochter, Margareth Anna Katherina, an einer Gehirnentzündung gestorben war, schien Johann Jakob wieder Probleme zu haben. Die Vormundschaftsbehörde klärte ab ob er in die Anstalt in Kappel oder Kalchrain eingewiesen werden könne[83]. Kurz vor seiner Einweisung wurde seine Frau erneut schwanger. Mit dem Erbe kaufte sich die Familie 1864 das Haus an Bärloch 8. Sie wohnten viele Jahre in diesem historischen Altbau am Bärenloch, es scheint aber dass Johann Jakob immer wieder in Anstalten eingewiesen werden musste.

1865, Johann Jakob war nun 40 Jahre alt, wurde ein weiterer Sohn, Jakob Georg geboren. Johann Jacob verbrachte die meiste Zeit in der Anstalt zu Kappel, erhielt gelegentlich Dank guter Führung Urlaub um seine Familie zu besuchen. Seine Frau zog die Kinder wohl grösstenteils ohne den Vater auf und war Dank dem ererbten Vermögens nicht von der Armenhilfe abhängig. Anna Katharina starb 1878 unerwartet auf ihrer Reise von Scharans nach Chur, wo sie ihren Arzt besuchen wollte. Georg Jakob (13) war noch minderjährig und dürfte bei der Mutter gewohnt haben. Über Sixt Sebastian (20) ist nichts bekannt. Margreth Anna Katharina (17) dürfte auch noch bei der Mutter gewohnt haben.

Irgendwann dürften dann die Vermögenswerte aufgebraucht gewesen sein. 1895, Johann Jakob war nun 70 Jahre alt, wurde er durch die Armenkommission der Stadt Chur in das Bürgerasyl aufgenommen. Doch auch dort fiel er negativ auf. So beschwerte sich die Behörde 1899: «Bezugnehmend auf verschiedene Ausschreitungen im Alkoholgenuss seitens einiger Insassen, namentlich des Johann Jakob Köhl, wird die Verwaltung beauftragt, mittels Massnahmen ausfindig zu machen, um denselben wirksam zu begegnen. Den Vogt des Köhl ist bei Wiederholung derartigen Vorkommnisse dessen Auslogierung in Aussicht zu stellen»[85]. Er schien damals schon an Demenz zu leiden und wurde kurz nach diesem Vorfall in die Klinik im Waldhaus eingewiesen.

Ob es die fehlende Mutterliebe, der gestrenge Vater oder der Überfluss waren die ihn auf diesen Lebensweg führten, wissen wir nicht. Aber seine Entscheidungen und Handlungen brachten grosses Leid über seine Familie, insbesondere über seine Kinder. Johann Jakob starb 1905 mit 80 Jahren, vereinsamt und alleine im Bürgerasyl von Chur.

Die Kinder des Johann Jakob

Nach dem Tod seiner Mutter wanderte Jacob Georg, gerade mal 14 Jahre alt nach Amerika aus. Zuerst arbeite er als Knecht, wollte sich dann aber mit einem Darlehen auf das Vermögen seines Vaters Land in Kansas kaufen. Mit einem weiteren Darlehen investierte er in den Aufbau eines Resorts mit dem Namen Diamond Mineral Springs in Grantfork Illinois. Als das Geld aufgebraucht war und er auch noch seine Verlobte Dora Elisa Bardill, die Tochter des Besitzers Stephen Bardill, schwängerte kehrte er in die Schweiz zurück und ersuchte um ein weiteres Darlehen. Dies wurde ihm aber verwehrt. Er war mittel- und arbeitslos. Die Behörde kaufte ihm ein Ticket und stellte sicher dass er die Reise in die USA auch antrat. Zurück in den USA wurde sein Sohn Melville Arthur Bardill geboren. Es kam aber zu keiner Heirat, das Kind war legitim trug aber den Namen Bardill. Später arbeitete Jacob Georg in Chicago als Maschinist und Ingenieur. 1889 heiratete er eine Madeleine aus Deutschland und hatte mit ihr einen Sohn, George Jacob Koehl jr., welcher in Ohio geboren wurde. Seine Frau scheint verstorben zu sein oder es erfolgte eine Scheidung. 1905 heiratete er auf jeden Fall eine Marie Julia Hodny, mit welcher er bis zu seinem Tod 1943 in San Diego zusammenblieb.

George Jacob Koehl jr. heiratete 1915 eine Edith Angela Lyttle und diente kurz danach im ersten Weltkrieg. Aus dieser Ehe scheinen keine Kinder entstanden zu sein, er trennte sich 1920 wieder von seiner Frau. Später wohnte er bei seinen Eltern und zog 1942 in den zweiten Weltkrieg. Auch diesen Krieg überlebte er und starb 1968 mit 78 Jahren in San Diego, ohne Nachkommen.

Margreth Anna Katharina (Nina) heiratete 1881 Jakob Kratzer von Scharans und hatte mit diesem 2 Töchter. Elisa Mathilde Kratzer, die ältere Tochter, war geistig beeinträchtigt und wurde in eine Anstalt untergebracht. Kurz danach erkrankte Nina an einer Nervenerkrankung, litt an grossen Schmerzen und musste regelmässig zur Kur gehen. Mit Darlehen auf das Vermögen des Vaters eröffnete ihr Mann Jakob in Chiavenna mit Partnern ein Handelsgeschäft. 1890 kam eine weitere Tochter, Katharina Kratzer, hinzu. Das Unternehmen ihres Mannes scheiterte kurz danach und nebst den gesundheitlichen Problemen kamen nun auch noch finanzielle Sorgen hinzu. Der verzweifelte Jakob Kratzer stürzte sich 1895 in den Silsersee und ertrankt[88]. Er wurde auf dem Friedhof in Sils in Abwesenheit seiner Frau beerdigt. Das Paar dürfte sich bereits vorher getrennt haben. Die Witwe arbeite danach in Zürich als Haushälterin und eröffnete ein Lebensmittelgeschäft. Doch sie erkrankte erneut, war erwerbsunfähig und lebte bis zu ihrem Tode vom Vermögen ihres Vaters. Beide Töchter starben unverheiratet und wurden auf dem Daleu Friedhof in Chur beigesetzt.

Quellen:

79: Testament des Sebastian von Köhl, Stadtarchiv, 1875, StAC B II/2.0045.4532

81: Martikel evangelische Kantonsschule, 1839-1850, StAGR CB III/479.B2 118

83: Protokolle Vormundschaftsbehörde zu Johann Jakob Köhl, Stadtarchiv, ab 1856, StAC BB III/09.001.001-009, Stadtarchiv Chur, 42ff

88: Abdankung Jakob Kratzer, Engadiner Post, 12. Juni 1895

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Grabplatte Köhl von Rogister Daleufriedhof
Grabplatte Köhl von Rogister Daleufriedhof


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