B.VII.h. Simeon Köhl (1760-1845) - der Angehörige

Simeon Köhl wurde als uneheliches, irreguläres Kind des Oberzunftmeister Bernhard Köhl (1693-1762) und der Anna von Wald (1728–1796) geboren. Die Familie der Anna von Wald stammt aus Molinis. Ihr Vater, Jan von Wald, hatte 1723 die aus Schiers stammende Katharina Dysch geheiratet und sich in Chur als Beisässe niedergelassen. Er besass 1733 einen Hausteil beim Storchenbrunnen, unweit des Hauses der Familie Köhl-Janett. Anna von Wald wurde in Chur geboren, wuchs beim Storchenbrunnen auf und dürfte die Familie Köhl schon früh gekannt haben. Sie und ihre Geschwister arbeiteten als Angestellt für Churer Bürgerfamilien, wohnten oft auch in deren Häusern. Es scheint, dass Jan von Wald 1759 nicht mehr in Chur wohnte und wieder nach Molinis zurückgekehrt war.

Ehefrau: Lucia Meisser, Ursula Hitz
Kinder: 8
Beruf: Schuhmacher
Zunft: Keine

Der Unerwünschte

Die Zeugung des Simeon Köhls war keine erwünschte. 1759 wurde die Magd Anna von Wald, angestellt im Hause des wohlhabenden und einflussreichen Oberzunftmeister Bernhard Köhl, schwanger. Als sich die Schwangerschaft nicht mehr verheimlichen liess, flüchtete die verzweifelte Magd aus dem Hause an der Storchengasse in Chur. Es kam am 22. Oktober 1759 zu einer Einvernahme, um zu klären was vorgefallen war und wer die Magd geschwängert hatte. Es sollte sich zeigen, dass der 37 Jahre ältere Hausherr selbst, Bernhard Köhl, trotz seines hohen Alters der Vater des Kindes war und das Kind die Frucht einer wohl schon länger andauernden Affäre des Witwers mit seiner Magd war.

Die Taufe von Simeon fand am 11. Februar 1760, kurz nach dessen Geburt, im Haus durch den Diacon Andreas Thürr in Chur statt. Vermutlich fand die Geburt und Taufe im Haus von Jan von Wald statt. Die Taufe im Haus war zu dieser Zeit nicht unüblich.[61] In der Regel erfolgte die Taufe am Tag nach der Geburt, abhängig vom Zustand des Kindes. Wenn das Kind schwach oder krank aussah, wurden Taufzeugen zusammengerufen und die Hebamme taufte das Kind direkt nach der Geburt. Bei illegitimen Kindern war die Taufe in der Kirche "erwünscht" oder sogar "vorgeschrieben". Da dies bei Simeon Köhl nicht der Fall war, vermerkte der Pfarrer, dass diese im Haus stattfand.

Simeon Köhl war somit ein illegitimes Kind. Solange ein Paar nicht verheiratet war, galt das Kind als illegitim, auch wenn es vom Vater anerkannt wurde. Eine Legitimierung war nur durch eine nachträgliche Heirat der Eltern möglich. Die Einträge in den Taufregister sind in der Regel in "Bürger" und "Beissässe/Niedergelassene" unterteilt. Es gab aber noch eine dritte Kategorie, die "Angehörigen", die weder Bürger noch Beisässe waren. Die Angehörigen waren Personen, die aus irgendeinem Grund das Bürgerrecht verloren hatten, z. B. wenn sie vom evangelischen zum katholischem Glauben konvertierten (alle Churer mussten evangelisch sein) oder unehelich geboren wurden. Obwohl sein Vater Bernhard Köhl ein förmliches Eheversprechen abgab, fand keine kirchliche Trauung statt. Simeon durfte den Familiennamen Köhl tragen, war aber als illegitimes Kind nicht erbberechtigt, erhielt kein Churer Bürgerrecht und hatte den Status eines Angehörigen.[61]

Über Simeons Jugendzeit liegen keine konkreten Informationen vor. Da sein leiblicher Vater zwei Jahre nach seiner Geburt verstarb, ist anzunehmen, dass er bei seiner Mutter Anna aufwuchs. Diese dürfte mit ihrem Sohn im Haus ihrer Eltern beim Storchenbrunnen in Chur untergekommen sein. Unterstützt von ihrer Familie arbeitete Anna vermutlich weiterhin als Magd und pflegte später ihre betagten Eltern. Nach deren Tod scheint sie gemeinsam mit ihrem Sohn im Elternhaus wohnen geblieben zu sein, da keine Hinweise auf einen Verkauf des Hauses vorliegen. Es ist daher wahrscheinlich, dass Simeon seine Jugendzeit in Chur, im Haus beim Storchenbrunnen, verbrachte

Simeon scheint auch guten Kontakt zu seinen Halbgeschwistern gehabt zu haben. Sein Halbbruder, Stadtwachtmeister Peter Köhl (1748-1794), war Taufzeuge seines dritten Sohns. Bei der Taufe von Christian waren die beiden Halbgeschwister Salome und Wachtmeister Christian Köhl (1755-1807) ebenfalls Taufzeugen. Auch weitere verwandte Familien waren an den Taufen seiner Kinder anwesend. Auch waren an den Taufen seiner Kinder hochgestellte Persönlichkeiten aus den Familien von Salis, von Tscharner und von Jenatsch anwesend. Auch dies ein Hinweis, dass Simeon ein von der Familie Köhl akzeptiertes Mitglied war und seine älteren Halbgeschwister ihre schützende Hand über ihn hielten.

Der Name Bernhard wurde in Simeons Familienlinie nie verwendet. Dafür trugen viele seiner Kinder, Enkel und Urenkel die Namen Peter, Christian und Anna. Ein Hinweis, dass Simeons Mutter, seine Halbgeschwister und auch sein Schwager Peter Meisser für ihn wichtige Bezugspersonen waren.

Simeons erste Familie

Simeon erlernte den Beruf des Schusters und arbeitete sich bis zum Meister hoch. 1785 heiratete er die 25-jährige Lucia Meisser (1763-1792), älteste Tochter des Meinrad Meisser und der Anna Accola aus Davos-Dorf.[62] Es ist nicht bekannt wo Simeon mit seiner Ehefrau wohnte, es könnte aber gut sein, dass er mit ihr im Haus seiner Mutter am Storchenbrunnen wohnte.

Aus dieser Ehe entsprossen vier Söhne:

  • Peter Köhl (1785–1851), Zuckerbäcker. Wanderte nach Wilna (RU) aus, ⚭ 1818 Anna Neisa Stupan (1790–1837), sechs Kinder. Die Familie lebte in Wilna und nur sein Sohn Florian kehrte später wieder in die Schweiz zurück. Siehe zu ihm: B.VIII.e. Peter Köhl (1785–1851) - der Zuckerbäcker.
  • Simeon Köhl (1787–1789), starb in Chur im dritten Lebensjahr an Zahnfieber.
  • Paulus Köhl (1789–1792). Als Taufpate wird Stadtwachtmeister Peter Köhl, Simeons Halbbruder, aufgeführt. Paulus starb im vierten Lebensjahr in Chur.
  • Meinrad Köhl (1791–1794) wurde nach Luzias Vater benannt. Er starb im vierten Lebensjahr.

Nachdem sein Sohn Simeon 1789 gestorben war, starb im Mai 1792 auch seine junge Ehefrau Luzia. Wenige Monate später starb auch der drittälteste Sohn Paulus. Nach diesen Schicksalsschlägen blieb Simeon mit seinen beiden Söhnen, Meinrad und Peter, alleine zurück. Im März 1794 starb in Chur auch seine Mutter, Anna von Wald, und im gleichen Jahr sein jüngster Sohn, der vierjährige Meinrad. Innert zehn Jahren starb also fast seine ganze Familie, nur Sohn Peter (9) blieb dem Vater. Die Behörden dürften nun eingegriffen haben. Da keine Grosseltern das Kind aufnehmen konnten, dürfte sein Sohn Peter von seinem Onkel Peter Meisser aufgenommen worden sein. Dieser wohnte zu dieser Zeit mit seiner Ehefrau Uorschla Stiffler und Sohn Clo in Pontresina. Es gibt mehrere Hinweise, dass Peter Meisser ab 1794 Peter Köhl´s Vormund war und diesen wie einen Sohn in seine Familie aufnahm.

Quellen:

1: Ältere und jüngere Linie der Familie Hitz aus Malans, Robert Donatsch, 1989, StAGR IV 25 e 2

47: Brief des Simeon Köhl an den Amtsbürgermeister , Simeon Köhl, 1798, StadtAC, Z 45.11], S. 69-72/Nr. 633

62: Davoser Familien (17. Jh. - 20. Jh.), Hugo Richter, StAGR A I 21 c 1/168

63: Johannes Duffert, Simeon Köhl po. illegittime Geburt, Simeon Köhl, 1798, StadtAC, Z 45.11, Schmied Zunft, S. 69-72/Nr. 633

64: Abschrift der Beisässen- und Dienstboten-Aufnahmstabellen, Beisässenkommision, 1812, StAGR D V/37 C 11.06

65: Protokoll der Armenpflege Chur , Armenpflege, 1880, StadtAC, AB III/P 06.01-11

66: Steuerbuch Nichtbürger, Stadt Chur, 1820, StadtAC, AB III/F 14.174.1

67: Kaufprotokolle der Stadt Chur, Stadt Chur, 1828-1837, StadtAC, B II 2.0019.095

68: Ratsprotokoll 13. Juni 1831, Stadtrat, 1831, StadtAC

69: Bündner im Russischen Reich, Roman Bühler, 2003

70: Ratsprotokoll 13. Juni 1831, Stadtrat, 1831, StadtAC, Stadt Chur,

71: Bündner im Russischen Reich, Roman Bühler, 2003, , Verein für Bünder Kulturforschung

Simeons zweite Familie

Drei Jahre später heiratete Simeon die aus Malans stammende Ursula Hitz. Sie war die Zweitälteste von vier Kindern. Fünf ihrer Geschwister waren schon in jungen Jahren gestorben. Ihr Vater Christian Hitz betrieb eine Schmiede, in der Gaziens gelegen. Dieser hatte ein paar Jahre zuvor Konkurs anmelden müssen und war wohl froh, dass seine Tochter nun untergebracht war.

Dieser Ehe entsprossen 4 Kinder:

  • Köhl Anna (1800-1870), ⚭ 1825 Gerichtschreiber Johannes Bruesch (1801–1875), neun Kinder. Die Familie lebte viele Jahr in Jenins und wohnte ab 1850 in Chur. Ein Teil ihrer Familie wanderte nach Nordamerika aus, wo auch heute noch Nachkommen derselben leben.
  • Christian Köhl (1802–nach 1850). Eingebürgert 1831, wanderte zwischen 1830 und 1832 nach Riga, Russland, aus. Über Nachkommen ist nichts bekannt
  • Simeon Köhl-Hertner (1808-1869) – Gescheiterter Unternehmer
  • Köhl Ursula (1810-1810), starb bei der Geburt

Simeon hatte also acht Kinder, von denen vier aber früh starben. Bei der Taufe seiner Kinder waren mehrere Halbgeschwister, deren Ehepartner, Cousins und andere hochstehende Persönlichkeiten anwesend:

Bei Peter: Peter Walser, Martin Bavier, Elisabeth Flandrina von Salis-Maienfeld, Elisabeth von Salis-Maienfeld.

Bei Simeon I: Adelheid Killias, Hauptmännin Saluz geb. Pfercher, Anna Bavier geb. Willi, Fida von Buol.

Bei Paulus: Halbbruder Peter von Köhl, Johann Ulrich von Jenatsch, Ratsherrin Anna Maria Schwarz, Bundeslandammännin Katharina von Pellizari.

Bei Meinrad: Ursula Latner

Bei Anna: Florian Laurer, Schulmeister Daniel Boner, Barbara von Wald geb. Mark (Ehefrau von Simeons Onkel Paulus von Wald).

Bei Christian: Halbbruder Christian Köhl, Schulmeister Daniel Boner, Salome Köhl, Maria Magdalena von Salis-Haldenstein.

Bei Simeon II: Neffe Johann Jakob von Köhl, Nachbar Bartholomäus Köhl, Fr. Oberstzunftmr. Maria Bauer-Rüedi.

Bei Ursula: Maria Köhl geb. Plattner, Johann Jakob von Schwarz.

Interessanterweise ist Daniel Boner, von Malans stammend und ab 1791 Stadtschullehrer, gleich zwei Mal bei einer Taufe als Pate mit dabei. Vermutlich war er der Lehrer von Simeons Sohn Peter, welcher während dieser Zeit in Chur zur Schule gegangen sein könnte.

Die verwehrte Einbürgerung

Simeon übte gemäss verschiedenen Einträgen als Meister den Beruf des Schusters aus. Und er dürfte schon früh eine eigene Werkstatt betrieben haben. Als Nichtbürger durfte er aber keiner Zunft beitreten und wurde steuerlich höher belastet. 1798 bat er in einem Schreiben den Amtsbürgermeister Johann Baptista von Tscharner, ihn seine uneheliche Abkunft nicht entgelten zu lassen. Zu dieser Zeit legte der Bürgerplan fest, dass «nur ehrlich erzeugte Personen einigen Anspruch zur aufnahm in löbliche Bürgerschaft» haben. Simeon begründete dies mit «ist jedermann bekannt, daß zwischen unsere beyderseitigen seeli[gen] Eltern förmliche Eheversprechungen erfolgt, und daß zur wirklichen Ehe nur die Priesterliche Einsegnung mangelte, welche keineswegs aus ihrer Schuld, sondern aus anderen Ursachen hintertrieben worden». Der Stadtrat zeigte aber keine Nachsicht und wies sein Anliegen zurück.[62]

Mit seinem Einkommen konnte er seine Familie versorgen und war nicht auf Unterstützung seitens der Stadt angewiesen. 1801 starb Paulus von Wald, der Bruder seiner Mutter, Anna von Wald. Nach seinem Tod wurden mehrere Forderungen angemeldet. Seine beiden Kinder, Paulus und Anna Katharina, erwarben an der Kupfergasse nun einen Hausteil. Eine anderer Teil (von Paulus Walden Wittwe) wurde verkauft. Anna Katherina Wald sollte wenige Monate danach ebenfalls sterben. Paulus Wald wird 1805 im Steuerbuch von Chur weiterhin aufgeführt und ist weiter im Besitz eines Hausteils an der Kupfergasse. Es könnte gut sein, dass die Hausteile an der Kupfergasse Teil einer Erbengemeinschaft gewesen war. Oder Paulus von Wald oder dessen Tochter hatte Simeon Köhl in seinem Testament berücksichtigt. Vermutlich wurde ein Teil am 19.7.1801 verkauft und mit dem Erlös Simeon Köhl ausbezahlt. Dies würde erklären, wieso der zuvor noch als arm bezeichnete Simeon im Jahr 1802 eine Wohnung und einen Stall im Mühlegässchen, unweit der untersten Mühle, erwerben konnte. Zudem besass er nun eine Wiese im Kleinbruggen – insgesamt Vermögenswerte im Wert von 2’000 Gulden, eine beträchtliche Summe.

1798-03-16-Brief-Simeon-Köhl-S69.jpg

Brief an die Schuhmacherzunft: Simeon Köhl bittet ihn seine uneheliche Abkunft nicht entgelten zu lassen


Steuerbuch von 1805

Im Steuerbuch von 1805 sind mehrere Mitglieder der Familie Köhl erwähnt. Ein Vergleich ihrer Vermögenswerte ermöglicht die Besitzverhältnisse von Simeon besser einzuordnen:

  1. Johann Jakob von Köhl (1763–1826), 15’860 Gulden
    Hauptmann, besass ein Haus bei den Spielleuten und mehrere Wiesen, Weingärten und Baumgärten.
  2. Jeremias Köhl (1766–um 1846), 2’920 Gulden
    Hausmeister, besass eine Weinschenke und sowie einen Weingarten in Trimmis.
  3. Simeon Köhl (1760–1845), 2’000 Gulden
    Schustermeister, besass ein Haus am Mühlegässchen und eine Wiese unweit des Walserischen Rheingutes.
  4. Antoni Köhl (1764–1844), 1’060 Gulden
    Gerbermeister, besass ein Haus bei der Ziegelhütte.
  5. Bartholomäus Köhl (1776–1823), 1’000 Gulden
    Tischmacher, besass ein Haus neben der blauen Kugel und war Nachbar von Schustermeister Simeon Köhl.
  6. Christian Köhl (1755–1807), 700 Gulden
    Hauptmann, besass ein Gut auf dem Rhein.
  7. Elisabeth Morell-Köhl (1744–1810), 260 Gulden
    Erste Ehefrau von Christian Köhl (1755–1807), besass ein Haus am Gansplatz.
  8. Elisabeth Köhl (1778–nach 1822), keine Angaben.
  9. Joseph Köhl (1745–1825), keine Angaben
    Zunftweibel.

Das Entgegenkommen der Schuhmacherzunft

Anfangs Januar 1810 sendete Simeon erneut eine Bittschrift an den Stadtrat. Darin schrieb er dass die Ehe zwischen seinem Vater und Mutter nur nicht vollzogen werden konnte da sein Vater auf dem Krankenlager verstorben sei.[64] Der Stadtrat überwies die Sache an die zuständige Zunft. Am 29.1.1810 wies die Schuhmacherzunft Simeons Gesuch zur Einbürgerung wiederum zurück. Die Kommission entschied jedoch das er steuerlich wie ein Bürger zu behandeln sein und weniger Abgaben zu leisten habe. Ein kleines Entgegenkommen seitens der Kommission, nicht aber das was sich Simeon erwünscht hatte.[65]

In einer Abschrift der Aufnahmetabelle der Beisässen und Dienstboten vom Juni 1812 wird Simeon Köhl erwähnt. Er ist zu dieser Zeit 52 Jahre alt und wohnte mit seiner Familie in einer eigenen Wohnung am Mühlegässchen (Lukmaniergasse 14). Seine beiden Söhne werden erwähnt: Christian (8) und Simeon (3). Peter (27) wird nicht erwähnt und wohnte also nicht in Chur. 1 Tochter, Anna, wird jedoch aufgelistet. Als sein Beruf wird Schuster angegeben. Er wird unter «Streuerfrei wegen Armuth, dermalen nicht unterstützte» geführt.[66] Er war zwar arm, erhielt aber keine Gelder der Armenpflege.

1814, immer noch als Angehöriger der Stadt Chur, arbeitete Simeon als selbständiger Schustermeister und erhielt unter anderem auch von der Stadt Chur Aufträge.[67] Seine Frau Ursula verdiente mit Webarbeiten etwas Geld dazu. Sie hatte hierzu bei sich zuhause einen Webstuhl, welcher ihr von der Armenpflege vorfinanziert worden war.[67] Die Familie  wohnte immer noch an der Schlafuzergasse (Lukmaniergasse 14).

1818 wanderte sein Sohn Peter nach Wilna (RU) aus. Er beteiligte sich an der Konditorei Jenny und leite deren Geschäfte. 1 Jahr später heiratete er die aus Pontresina stammende Anna Neisa Stupan. Peter lebte von nun an in Wilna und erste Enkelkinder wurden dort bald geboren.

1820, Simeon war nun 60 Jahre alt, wohnte die Familie immer noch an der Schlafuzergasse. Er besass nebst dieser Wohnung und einem Stall weiterhin die Wiese im Grossbrugger. Gemäss Steuerbuch waren diese 2125 Gulden Wert. Er arbeitet weiterhin als Schustermeister, aber ohne einen Gesellen im Geschäft.[68]. Die anderen Kinder, Anna (20), Christian (18) und Simeon (12) wohnten noch in seiner Wohnung. Christian erlernte wie sein Bruder Peter das Handwerk des Bäckers, vielleicht sogar bei diesem in Pontresina. Simeon scheint bei seinen Verwandten in Malans eine Lehre zum Schmied gemacht zu haben.

1825 heiratete seine einzige Tochter, Anna, den tüchtigen und wohlhabenden Gerichtsschreiber Johannes Brüesch aus Jenins und wurde so Bürgerin von Jenins. Diese Ehe sollte mit vielen Kindern gesegnet sein.

1827 starb seine geliebte Ehefrau Ursula Hitz mit 59 Jahren. Die beiden Söhne Simeon und Christian waren noch nicht verheiratet und lebten noch beim Vater. In der Nacht vom 7. Dezember 1829 brach in einem Wohnhaus an der Unteren Reichsgasse ein Feuer aus. Dieses ergriff bald anliegende Häuser. Nur Dank dem Eingreifen der Churer Einwohner konnte der Brand unter Kontrolle gebracht werden. Simeons Wohnung, welche gleich nebenan an lag, wurde glücklicherweise verschont. Auch das Haus seines Nachbars, des Tischmachers Batholome Köhl, blieb verschont. Weniger Glück hatte die Familie des Gerbermeisters Isaak Köhl. Sein Haus wurde vollständig zerstört.

1829 verkaufte Simeon, inzwischen 69 Jahre alt, die Wiese im Grossbrugger und seine Wohnung an der Schlafuzergasse. Dafür erhielt er 2757 Gulden.[74] Käufer seiner Wohnung in Chur war ein Joh. Jenny. Vermutlich handelte es sich dabei um Peter Johann Jenny, einen guten Freund seines Sohnes Peter aus Pontresina und der Schwiegersohn von Peter Meisser. Das Geld aus dem Verkauf dürfte er seinem Sohn Peter geliehen haben damit dieser die Konditorei in Wilna vollständig übernehmen konnte. Simeon dürfte weiter in der Wohnung an der Schlafuzergasse mit seinem Sohn Simeon gewohnt haben, hatte sich wohl ein Wohnrecht ausgehandelt.

Sein Sohn Christian reiste zur gleichen Zeit nach Riga (Russisches Königreich) und arbeite dort als Konditor.

1810-01-09-Bittschrift-Simeon-Köhl.jpg

Bittschrift Simeon Köhl an den Churer Stadtrat (1810, StAC B II/20003.03157)


1812-06-Beisässen-Dienstboten-Chur.jpg

Abschrift der Aufnahmetabelle der Beisässen und Dienstboten vom Juni 1812 (StAGR D V/37 C 11.06)


Die ersehnte Einbürgerung

Am 13.6.1831 erkaufte sich Simeon (im Alter von 71 Jahren) für sich und seine beiden Söhne, Christian und Simeon, für eine stolze Summe von 500 Franken (entspricht heute etwa Fr. 95000.--) das Churer Bürgerrecht.[63] Nur wenige Tage später heiratete sein Sohn Simeon und wurde bald darauf Vater. Simeon verfügte nach dem Verkauf seiner Güter zwar über das nötige Kapital, es könnte aber gut sein dass der vermögende Schwiegervater von Simeon, Altgemeinderat Christian Hertner von Jenins, die Kosten für die Einbürgerung der drei Männer übernommen hatte. Der Sohn Peter wurde vermutlich vor 1820 eingebürgert – er wird bei seiner Trauung 1820 als Bürger geführt. Seine Tochter Anna war inzwischen verheiratet und hatte das Bürgerrecht ihres Mannes erhalten.

1835 schien er dann das ausgeliehene Geld von seinem Sohn Peter zurück zu erhalten. Er kaufte Anfangs 1835 eine eingezäunte Wiese im Lürlibad für 2’600 Gulden, was genau dem Betrag entsprach, welchen er 1829 vermutlich seinem Sohn Peter ausgeliehen hatte. Dieses Grundstück trat er am 12. Dezember 1836 an seinen Sohn Simeon ab. 1837 kaufte sich sein Sohn das Walthier-Schwarzsche Gut im Lürlibad. Simeon, nun doch noch Bürger von Chur, dürfte dort nun die nächsten Jahre zusammen mit seinem Sohn und dessen Familie gewohnt haben.

1841 verkauft Simeon jr. das Gut und Simeon sen., nun 82 Jahre alt, zog nach Jenins. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Jenins auf dem Hinterwaldehof, zusammen mit seiner Tochter, ihrem Ehemann, Gerichtsschreiber Johannes Bruesch, und deren fünf Kindern. Leider musste er noch den Konkurs seines Sohnes Simeon miterleben.

Simeon Köhl starb am 15. Juni 1845 mit 85 Jahren im Beisein seiner Familie in Jenins, wo er am 17. Juni bestattet wurde. Simeon Köhl überlebte seine beiden Ehefrauen und durfte die Geburt von acht Kindern, 22 Enkeln und einem Urenkel erleben. Vier seiner Kinder und sieben Enkel waren bereits gestorben. Er starb als letztes der Kinder von Oberzunftmeister Bernhard Köhl.

1831-06-13 AB III_P 01.058 Simeon Koehl.jpg

Ratsprotokoll 13. Juni 1831 (StAC AB III/P 01.058 S165)


Die Kinder des Simeon Köhl

Sein erstgeborener Sohn überlebte als einziger seine 3 Geschwister und seine Mutter. Er wuchs in Pontresina auf und wanderte spätestens 1818 nach Russland aus. Dort verstarb er 1851. Peter Köhl (1785-†1851) – Der Zuckerbäcker

Anna wurde nach ihrer Grossmutter, Anna Wald, benannt. Sie heiratete 1825 in Jenins den Gerichtsschreiber Johannes Bruesch und hatte mit ihm 9 Kinder, wovon 3 bei der Geburt starben. 2 ihrer Söhne wanderten nach Amerika aus, deren Nachkommen auch heute noch in den USA, vor allem im Staat Idaho, leben. Anna starb mit 69 Jahren in Chur an Altersschwäche.

Christian wanderte um 1830 nach Russland aus und arbeitete in Riga (heute Lettland). Ab 1837 arbeitete er in Wilna (Litauen) als Konditor im Geschäft seines Bruders. Gemäss Einbürgerungsschreiben von 1831 war er damals noch unverheiratet. Er scheint bis 1850 in Wilna gelebt zu haben und nicht mehr nach Chur zurück gekehrt zu sein. Über Nachkommen ist nichts bekannt.

Einzig sein Sohn Simeon blieb in Chur. Er erlernte den Beruf des Schmieds und betrieb im Sand eine Schmiedewerkstatt. Er verschuldete sich und musste vor seinen Gläubigern fliehen.

Hof-Hinterwalde-Köhl-Bruesch.jpg

Der Hof der Familie Bruesch-Köhl. (by Esther Pennington Bruesch)



Impressum und rechtliche Hinweise